Pressemitteilung

Kunst und Kultur
  • 10.12.2018

Umgang mit kolonialem Erbe: Vorstellung Namibia-Initiative

Das Land Baden-Württemberg wird die von deutschen Kolonialtruppen erbeutete Familienbibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi Anfang 2019 in Namibia an den namibischen Staat zurückgeben. Dies ist ein bedeutendes Signal und zugleich ein wichtiger Schritt im Prozess der Versöhnung. Beide Objekte sind im Jahr 1902 als Schenkung in das heute von Land und Stadt Stuttgart getragene Linden-Museum gekommen. Mit der Rückgabe von Bibel und Peitsche beginnt die Umsetzung der Gesamtstrategie des Landes zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe.

„Mit dieser ersten Restitution kolonialer Kulturgüter aus einem Museum in Baden-Württemberg wollen wir exemplarisch zeigen, wie die Haltung des Landes im Umgang mit unserem kolonialen Erbe ist. Es geht uns um mehr als um Rückgabe: Diese ist Ausgangspunkt für neue, intensivere Partner¬schaften mit den Herkunftsgesellschaften. Wir werden daher wissenschaftliche und kulturelle Kooperationen ausbauen und gemeinsam unsere Kolonialgeschichte aufarbeiten. Dazu gehört auch, dass wir die Sammlungen in unserer Museen und Hochschulen aufarbeiten und die Ergebnisse online zugänglich machen. Transparenz und Offenheit sind zentral im Umgang mit unserem kolonialen Erbe“, sagte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski am Montag (10. Dezember) im Linden-Museum in Stuttgart.

Positiv bewertete die Staatssekretärin die Debatte um den Expertenbericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr zur Situation in Frankreich. „Das ist ein wichtiger Impuls für die ganze Diskussion. Sicher ist: Es reicht nicht, nur zu reden, wir müssen auch handeln. Und zwar schneller und entschiedener als bisher. Zugleich kann es keine Lösung sein, Gegenstände nur in Kisten zu packen und zurückzuschicken. Wir können und sollten uns unserer gemeinsamen Geschichte nicht einfach entledigen, sondern in den Dialog kommen“, sagte die Staatssekretärin. Rückgaben zentraler Objekte seien im Einzelfall wichtige Signale, aber nicht immer die einzige sinnvolle Möglichkeit. Ankäufe von Objekten auf deutscher Seite oder gemeinsam erarbeitete Ausstellungen seien beispielsweise weitere Optionen. Dabei müssten insbesondere die unterschiedlichen Vorstellungen und Wünsche der Herkunftsländer berücksichtigt werden.

„Wir möchten uns der eigenen historischen Verantwortung stellen“, betonte
Inés de Castro, Direktorin des Linden-Museums Stuttgart. „Restitution sollte mit dialogischen Prozessen verbunden werden, um Beziehungen zu stärken und neue für die Zukunft zu etablieren. Wir freuen uns dabei sehr über die Unterstützung der Politik.“

Gesamtstrategie zum Umgang mit kolonialem Erbe / Namibia-Initiative

Olschowski betonte, dass die Rückgabe von Objekten und Kulturgütern aus kolonialen Kontexten eingebettet werde in eine Gesamtstrategie, an der Museen, aber auch Hochschulen und Archive beteiligt sind. „Wir begründen neue Partnerschaften, von denen beide Seiten profitieren – und beginnen ausgehend von der Rückgabe der Witbooi-Objekte mit Namibia“, so die Staatssekretärin. Für seine Namibia-Initiative stellt das Ministerium 1,25 Millionen Euro zur Verfügung.

Vier Themenbereiche – viele kompetente Partner

Die Namibia-Initiative umfasst vier Themenbereiche, die eng miteinander verknüpft sind: die historische Aufarbeitung, den Umgang mit musealen Sammlungsgegenständen, Kolonialismus in der Literatur sowie zeitgenössische künstlerische Perspektiven auf das koloniale Erbe. Partner auf baden-württem¬bergischer bzw. deutscher Seite sind das Linden-Museum, das Landesarchiv, die Universität Tübingen, die Universität Freiburg und deren Arnold Bergstraesser Institut (ABI) sowie die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Akademie Schloss Solitude und das Goethe-Institut.
Partner auf namibischer Seite sind die Universität von Namibia, das Nationalmuseum, die Nationalbibliothek und das Nationalarchiv, die wissenschaftliche Gesellschaft, die Museums Association of Namibia, Heritage Watch sowie Vertreterinnen und Vertreter der Herkunftsgesellschaften Nama und Herero.

Thematisch geht es um Fragen wie die gemeinsame Erschließung, Aufarbeitung und Zugänglichmachung von Sammlungen und Archiven, historischen Fotos und Dokumenten sowie deren digitale Präsentation.

So startet das Landesarchiv gemeinsam mit dem namibischen Nationalarchiv ein Trainingsprogramm für Mitarbeitende des namibischen Nationalarchivs im Landesarchiv und im Bundesarchiv, ein ausdrücklicher Wunsch von namibischer Seite. Es geht dabei um Archivmanagement, Bestandserhaltung, Restaurierung und Digitalisierung – und damit um Grundlagen für die weitere gemeinsame wissenschaftliche Arbeit. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach beschäftigt sich zusammen mit der Universität von Namibia, der namibischen Nationalbibliothek, dem Nationalarchiv und der namibischen wissenschaftlichen Gesellschaft mit der Rolle der deutschen Kolonialliteratur. Die Akademie Schloss Solitude plant eine von deutschen und namibischen Kuratoren gemeinsam gestaltete Konferenz, die zeitgenössische künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven in den Vordergrund stellt. Außerdem soll ein Stipendienprogramm für Kunst und Literatur/Journalismus eingerichtet werden mit wechselseitigen Stipendien nach Namibia und an die Akademie Schloss Solitude.

In der Kooperation des Linden-Museums mit der Universität Tübingen, dem namibischen Nationalmuseum, der Universität von Namibia sowie Vertretern der Herkunftsgesellschaften Nama und Herero geht es auch um neue Formen der Präsentation der gemeinsamen Geschichte. Im Zentrum steht der Austausch von Wissen, Erfahrungen und Interpretationen. Seit 1. Dezember erforscht zudem ein von Land und Museum finanzierter Provenienzforscher für zwei Jahre gezielt den Namibia-Bestand des Linden-Museums mit namibischer Beteiligung. Darüber hinaus soll der aus Namibia stammende Sammlungsbestand des Linden-Museums digital erfasst und zugänglich gemacht werden.

Transparenz & Zugänglichkeit: Museum baut neue Online-Datenbank auf

„Von höchster Priorität ist, die umfangreichen und hochwertigen Sammlungen zugänglich und transparent zu machen – gegenüber unserer Öffentlichkeit wie auch gegenüber den Herkunftsgesellschaften“, betonte Olschowski. Das Land unterstütze das Linden-Museum daher dabei, eine neue digitale Objektdatenbank aufzubauen, die – zweisprachig deutsch und englisch – auch den Austausch mit Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Interessierten der Herkunftsgesellschaften ermöglichen soll. „Wir haben es zu lange versäumt, unsere Sammlungen online zugänglich zu machen. Dieses wollen wir nun verstärkt in Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften angehen“, betonte Museumsdirektorin Prof. Dr. Inés de Castro. Die Datenbank wird vor allem die Ergebnisse der Provenienzforschung sichtbar machen. Ziel ist, bis 2020 mit 5.000 Objekten aus kolonialen Kontexten online zu gehen. Weitere Sammlungsteile sollen folgen.

Debatte gehört mitten in die Gesellschaft

„Wichtig ist, dass das Thema Umgang mit unserem kolonialen Erbe nicht nur in Fachkreisen ankommt. Wir haben die Aufgabe, die Öffentlichkeit hier wie dort stärker noch als bisher zu informieren und einzubeziehen“, sagte die Staatssekretärin abschließend. Von zentraler Bedeutung seien daher gut aufgearbeitete und präsentierte Sammlungen, die auch darüber informieren, was in Namibia und an anderen Orten geschehen sei.

Weitere Informationen

Ab 10. Dezember und bis zur Rückgabe sind die Familienbibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi nochmals im Linden-Museum zu sehen.

Für Namibia ist die „Witbooi-Bibel“ von höchster symbolischer und historischer Bedeutung. Hendrik Witbooi war während der deutschen Kolonialzeit „Kaptein“ und einer der wichtigsten Anführer der Nama-Gruppen. Er ist heute ein Nationalheld Namibias, dem durch zahlreiche Denkmäler gedacht wird. Die Bibel der Familie Witbooi war sehr wahrscheinlich gemeinsam mit der Peitsche im Jahr 1893 bei einem Angriff auf Hornkranz, den Hauptsitz Hendrik Witboois, von deutschen Kolonialtruppen erbeutet worden, bei dem mit größter Brutalität vorgegangen und auch viele Frauen und Kinder ermordet wurden. Beide Objekte gingen später in den Besitz des in Berlin ansässigen Hofrat von Wassmannsdorf über. Dieser war zwischen 1895 und 1898 als „kommissarischer Intendant für die Schutztruppe und Chef der Finanzverwaltung“ in „Deutsch-Südwestafrika“ tätig. Bibel und Peitsche kamen 1902 als Schenkung des Hofrats in die Sammlung des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie (der Verein ist Gründer des 1911 eröffneten Linden-Museums).

Handschriftliche Notizen auf den Seiten des Neuen Testamentes belegen, dass der 1866 in Berlin gedruckte Band wichtiger Bezugspunkt für verschiedene Mitglieder der Familie Witbooi war. Neben dem Namen Hendrik Witbooi tauchen in handschriftlichen Notizen die Namen weiterer Familienmitglieder auf. Um wem es sich dabei genau handelt, konnte bislang nicht geklärt werden.

Beide Objekte wurden 2007/08 in der Sonderausstellung „Von Kapstadt bis Windhuk: „Hottentotten“ oder Khoekhoen? Die Rehabilitierung einer Völkergruppe“ anlässlich des 100. Jahrestags des Widerstandskriegs der Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft ausgestellt. Ansonsten waren die Objekte nicht im Linden-Museum ausgestellt. Die Bibel war Leihgabe an das Deutsche Historische Museum zur Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im Jahr 2016/17.

Die im Rahmen des mit der Universität Tübingen durchgeführten Provenienzforschungsprojektes „Schwieriges Erbe“ von 2016 bis 2018 untersuchten Regionalbestände des Linden-Museums umfassen zusammen ca. 25.300 Objekte der insgesamt 160.000 Objekte des Museums. Davon entfallen ca. 2.200 Objekte auf Namibia, 6.600 auf den Bestand aus dem Bismarck-Archipel (Papua-Neuguinea) und 16.500 auf Objekte aus Kamerun.

Lindenmuseum

Fotos Präsentation Witbooi-Objekte 1

Fotos Präsentation Witbooi-Objekte 2

Fotos Präsentation Witbooi-Objekte 3

Fotos Präsentation Witbooi-Objekte 4